Redaktionsschluß 3. i. 1958
Fachbuchverlag Leipzig in Verbindung mit der Heinrich Killinger Verlagsgesellschaft m.b.H., Nordhausen
Satz und Druck: B. G. Teubner, Leipzig (Ш/18/154)
Veröffentlicht unter der Lizenznummer 114-210/118/58 '
des Ministeriums für Kultur der Deutschen Demokratischen Republik, Hauptverwaltung Verlagswesen
Vorwort
Wer sich ernsthaft bemüht, in das "Wesen der Schrift einzudringen, sieht sich bald vielen Fragen
gegenüber. Der Anfänger wird erkennen, daß eine nur oberflächliche Beschäftigung mit der Schrift
nicht zu ihrer vollen Beherrschung führen kann. Je mehr er aber die Fülle der Ausdrucksmöglich¬
keiten erkennt, die in ihr liegen, um so größer wird sein Interesse an diesem zunächst so spröde er¬
scheinenden Stoff werden.
Dieses Schriftenwerk soll vor allem den Maler mit den Grundlagen des SchriftschafFens vertraut
machen. Aber auch allen anderen schriftgestaltenden Handwerkern wird es bei ihrer Arbeit helfen.
Dem jungen Handwerker soll es eine Ergänzung zum Berufs- oder Fachschulunterricht bieten und
schließlich denen zum Selbststudium dienen, die Schrift gestalten müssen, ohne auf diesem Gebiet eine
gründliche Ausbildung genossen zu haben.
Bei der Auswahl und Behandlung des Stoffes wurden die Bedingungen, unter denen eine handwerk¬
lich gestaltete Schrift steht, besonders berücksichtigt. Hier sind oft große, auf Fernwirkung berech¬
nete Beschriftungen auszuführen, die eine ganz bewußte zeichnerische Vorbereitung erfordern. Der
Verfasser ist der Ansicht, daß die meisten handwerklichen Aufgaben nicht allein mit dem Breitpinsel
gelöst werden können, wie heute vielfach angenommen wird. Die Reaktion gegen die spitzpinseligen,
oberflächlich gezeichneten Schilderschriften vergangener Jahrzehnte führte folgerichtig zum Breit¬
pinsel zurück. An diesem Werkzeug erneuern sich immer wieder die Schrifcformen, und von ihm
gehen wertvolle Anregungen aus. Doch bleiben größere, womöglich noch einzügig mit dem Breit¬
pinsel geschriebene Schriften immer unvollkommen. Nur kleinere, flüchtige Arbeiten können so stehen¬
bleiben. Schon eine mittelgroße "Wandbeschriftung bedarf der Nacharbeit, damit sie optisch gefestigt
wird. Auch die alten Maler und Buchschreiber schrieben nur die kleinsten Schriften und flüchtige
Arbeiten einzügig. Wurde eine monumentale "Wirkung angestrebt, so bearbeitete man die Schrift stets
zeichnerisch.
Dieses Buch soll aber nicht nur den flüchtigen Gelegenheitsarbeiten dienen. Dem Verfasser liegt
besonders die mit der Architektur verbundene Schrift am Herzen. Es sind die Beschriftungen an unseren
repräsentativen Bauten, an Läden und auf Ausstellungen und auch die Sichtwerbungen. Sie alle
müssen auf ein höheres künstlerisches Niveau gebracht werden, damit auch das Straßenbild unseren
kulturellen Traditionen würdig angepaßt wird.
Die diesem Buch beigegebenen Alphabettafeln bringen bewährte Schriften aus allen Zeiten. Die meisten
lehnen sich an die besten klassischen Vorbilder an. Es sind die Grundschriften, die jeder schriftgestal¬
tende Handwerker kennen sollte. Sie sind heute noch genauso aktuell wie in ihrer Entstehungszeit.
Nur wer diese Schriften in ihrer stilistischen Einheit verstanden hat, kann nötigenfalls eine modische
Abwandlung gestalten, die gut ist. Der Verfasser würde es für sehr bedenklich halten, kurzlebige Mode¬
schriften als Vorlage zu geben, die dann von Anfängern ohne Verständnis und verzerrt kopiert würden.
"Wer die Grundformen beherrscht, sein "Werkzeug zu gebrauchen weiß und am gesellschaftlichen Leben
seiner Zeit teilnimmt, bedarf keiner modischen Vorlagen, um eine zeitgemäße Schrift zu bilden.
So wollen also unsere Vorlagen nicht einfach kopiert, sondern genau studiert werden. Alle Feinheiten
der Schriftvorlagen nützen nichts, wenn sie nicht gesehen werden. Die Einteilung in geschriebene und
gezeichnete Schriften ist nicht zu wörtlich zu nehmen. Man sollte ohnehin besser von zeichnerisch
vorbereiteten Schriften sprechen. Fast alle diese Schriften lassen sich auch, einzügig oder aus mehreren
Zügen aufgebaut, mit dem Breitpinsel schreiben. Die Schriften des Handwerks werden ja ohnedies '
nicht immer geschrieben. Glasschilder und plastische Schriften entstehen beispielsweise in ganz anderen
Techniken. Jeder Schriftgestalter wird die Technik wählen, die ihm Werkzeug und Material, Aufgabe
und Format vorschreiben. Diese Bedingungen werden sich in den Schriftformen ausdrücken; Einzel¬
heiten muß und kann sich jeder selbst erarbeiten.
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